Die abenteuerliche Geschichte der "Degner"-Kurve in Suzuka
Warum ist eine Kurve der Honda-Rennstrecke in Suzuka nach einem Suzuki-Fahrer benannt? Und was haben die DDR und Raketenwissenschaftler damit zu tun?
(Motorsport-Total.com) - "Spoon", "130R", "Esses": Die Kurvennamen in Suzuka wirken nüchtern, beinahe technisch. Doch eine Kurve sticht heraus: "Degner". Aber woher hat die Passage kurz vor der Unterführung eigentlich ihren Namen?

© Motorsport Images
Die zweite Degner-Kurve in Suzuka während des Formel-1-Rennens 2024 Zoom
Die Antwort auf diese Frage überrascht - noch dazu, wenn man weiß, wer der Besitzer der Rennstrecke ist: Honda. Ernst Degner, ein Deutscher, war einst der große Rivale von Honda.
Es war Degner, der Honda-Konkurrent Suzuki in den 1960er-Jahren dazu verhalf, eine Serie von 50ccm-Rennmotorradmotoren zu entwickeln, die über 17.000 Umdrehungen pro Minute erreichten - und ermöglichte damit Mitsuo Itoh, als erster (und bislang einziger) japanischer Fahrer die Tourist-Trophy (TT) auf der Isle of Man zu gewinnen.
Für Honda, dessen industrieller Aufstieg stark von der Motorrad-Leidenschaft seines Gründers getragen war, war es eine Frage der Ehre, diese kleinen Raketen zu schlagen.
Diese Rennmaschinen wogen unter 60 Kilogramm, erreichten aber Geschwindigkeiten von über 160 km/h und lieferten ihre Leistung in einem winzigen Bereich von etwa 500 U/min. Fahrer mussten wie beim Stepptanz den Schalthebel bedienen, sich hinter die Windschutzscheibe ducken und möglichst viel Kurvengeschwindigkeit bewahren.
Beim ersten Rennen nach der Eröffnung Suzukas 1962 soll eine plötzliche Windböe Degners Vorderrad unter ihm weggerissen haben - genau in jener schnellen Rechtskurve nach den "Esses". Diese Kurve wurde später nach ihm benannt und in zwei Radien umgestaltet. Doch wie Degner überhaupt dort hingelangte - als 50ccm-Weltmeister mit einem Hersteller, der bis dahin im Rennsport keine Rolle gespielt hatte - ist eine noch faszinierendere Geschichte.
Wo Ernst Degner eigentlich herkam
Ernst Degner wurde 1931 im heutigen Polen geboren und wuchs in der DDR auf. Er arbeitete zunächst als Motorradmechaniker, entdeckte aber bald sein Talent als Rennfahrer.
Mitte der 1950er-Jahre hatte er sich einen Namen gemacht und wurde Teil des internationalen Rennprogramms von MZ - einem Unternehmen, das zwar aus der DDR stammte, aber über den Export Devisen erwirtschaftete. Degner erhielt jedoch nur einen normalen Lohn und wurde regelmäßig von der Staatssicherheit überwacht. Er begann, sich nach dem Lebensstil der westlichen Rennfahrer zu sehnen.
Walter Kaaden als Strippenzieher bei MZ
Ironischerweise war MZ technologisch ganz vorne mit dabei, jedoch im wenig prestigeträchtigen Bereich der Zweitaktmotoren, den viele Hersteller bereits aufgegeben hatten. Verantwortlich dafür war Walter Kaaden, ein Ingenieur, der angeblich am Peenemünder Forschungszentrum mitgearbeitet hatte, wo im Zweiten Weltkrieg die V1- und V2-Raketen entwickelt wurden.
Über Kaadens genaue Rolle gibt es unterschiedliche Berichte. Es heißt, Wernher von Braun habe ihn im Rahmen der geheimen US-Operation "Paperclip" in die USA holen wollen, bei der deutsche Techniker für das amerikanische Raketen- und Militärprogramm abgeworben wurden.
Kaaden setzte bei MZ dieselben akustischen Resonanzprinzipien ein, die einst den Boost der V2-Triebwerke optimiert hatten, und kombinierte diese mit anderen Vorkriegstechnologien wie dem Drehschieber - um mit kompakten 125ccm-Motoren aberwitzige Leistungen zu erzielen.
Degner will raus aus der DDR, aber ...
1961 holte Kaaden 200 PS pro Liter aus dem MZ-Einzylindermotor, und Degner lieferte sich ein heißes Duell mit Honda-Fahrer Tom Phillis um die Weltmeisterschaft. Man stelle sich den Unterschied vor: das kreischende MZ-Einzelaggregat gegen Hondas dumpf dröhnenden Viertakt-Zweizylinder RC143.
Für Suzuki war es erst das zweite Jahr in der 125ccm-Klasse, und es lief miserabel. Man sagt, Degner habe in jenem Sommer bei einem Hotelaufenthalt, den sich das MZ-Team zufällig mit dem Suzuki-Team teilte, heimlich einen Deal abgeschlossen. Die große Herausforderung war jedoch, seine Familie aus der DDR zu holen - denn sie diente quasi als Geisel, solange Degner im Ausland Rennen fuhr.
Ein erster Fluchtversuch per Zug aus Ostberlin während Degners Teilnahme am Ulster-Grand-Prix scheiterte: Am 13. August 1961, dem Tag nach der TT, begann mit dem "Stacheldraht-Sonntag" die Abriegelung der Grenze zu Westberlin. Kurze Zeit später begann der Bau der Berliner Mauer.
Beim zehnten von elf WM-Läufen, dem Großen Preis von Schweden Mitte September, stand Degner kurz vor dem Titelgewinn. Ein Motorschaden vereitelte dies jedoch - und noch in derselben Nacht wurde er mit technischen Unterlagen und Motorteilen (statt Kleidung) im Koffer nach Dänemark geschmuggelt. Zeitgleich brachte ein Freund in Ostdeutschland Degners Familie in einem geheimen Kofferraumversteck über die Grenze.
Dieser Freund behauptete später, er habe 30 Jahre lang mit einer Waffe unter dem Kopfkissen geschlafen - aus Angst vor Stasi-Rache.
Bei Suzuki dreht Degner so richtig auf
Suzuki nutzte das erbeutete Know-how zur Beschleunigung seines Entwicklungsprogramms. Das Ergebnis war die neue RM62, mit der Degner 1962 die erste 50ccm-Weltmeisterschaft gewann - und anschließend in Suzuka stürzte. Ob das beängstigender war als ein Jahr auf der Flucht vor möglichen Stasi-Killern, wusste wohl nur er selbst.
Natürlich bestreiten ehemalige Suzuki-Mitarbeiter diese Darstellung.
Tatsache aber ist: Degner erhielt eine stattliche Prämie für seine Leistungen, die auch zur Entwicklung der RT62-125ccm-Maschine und ihrer Nachfolger führten - darunter die RT67, mit der ein gewisser Barry Sheene später berühmt wurde.
Angesichts der verfügbaren Ressourcen wäre Suzuki früher oder später ohnehin konkurrenzfähig geworden, doch Details wie Mahle-Schmiedekolben aus Aluminium wären ohne die technischen Unterlagen deutlich schwerer zu kopieren gewesen als etwa sichtbare Dinge wie Auspuffrohre.
Ein Wettrüsten beginnt
Ein regelrechtes Wettrüsten begann, bei dem Hersteller wie Honda und Yamaha aufholten. Zweitakter blieben bis zur Jahrtausendwende der Standard in der Motorrad-WM. Zu diesem Zeitpunkt war Degner bereits seit Jahren tot: Beim Versuch, einen schlechten Start im 250ccm-Rennen von Suzuka 1963 wettzumachen, stürzte er in Kurve 2. Als er das Motorrad aufheben wollte, fing der Tank Feuer und Degner wurde schwer verletzt.
Er musste sich 50 Hauttransplantationen unterziehen und entwickelte eine Schmerzmittelabhängigkeit, die seine Karriere vorzeitig beendete. Degner starb 1981 auf Teneriffa an einem Herzinfarkt - obwohl, wie bei allen, die sich mit autoritären Regimen angelegt haben, auch hier unbestätigte Gerüchte über ein Attentat kursieren ...


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